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Bundeselternrat

Warum die Beziehung von Lehrkräften und Eltern oft schwierig ist

BER Vorsitzender Norman Heise im Interview mit dem Deutschen Schulportal.

Für viele Lehrkräfte gehört die Zusammenarbeit mit den Eltern zu den größten Herausforderungen im Beruf. Wie sehen das eigentlich die Eltern? Norman Heise, Vorsitzender des Bundeselternrats, meint, eine echte Willkommenskultur gegenüber den Eltern würde helfen, denn sie sind eine tragende Säule von Schule. Wie das geht, erklärte er 2024 im Interview mit dem Schulportal.

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Schulportal: In der Lehrerumfrage „Das Deutsche Schulbarometer“ werden die Eltern als eine der größten Herausforderungen in der Schule genannt. Sehen Sie das umgekehrt genauso?
Norman Heise
: Als größte Herausforderung würde ich die Beziehung zwischen Lehrkräften und Eltern nicht bezeichnen, aber natürlich ist die Kommunikation auch für Eltern nicht immer einfach. Zum Problem wird die Kommunikation dann, wenn sie nicht auf Augenhöhe ist, wenn sie missverständlich ist oder, im schlimmsten Falle, wenn sie gar nicht stattfindet. Es ist klar, dass eine Lehrkraft nicht immer sofort antworten kann. Sicher gibt es da manchmal auch eine falsche Anspruchshaltung oder einen wütenden Tonfall von den Eltern. Ich denke, die Lehrkraft sollte dann versuchen zu reflektieren, wo dieser Unmut herkommt. Ist er berechtigt oder nicht? Wie gehe ich deeskalierend in eine solche Situation hinein? Häufig treten in solchen Fällen Elternvertretungen auch vermittelnd in Aktion.

Nicht nur Lehrkräfte sind manchmal schwer erreichbar, es gibt auch Eltern, die für Lehrkräfte nicht erreichbar sind.
Ja, es gibt Eltern, die nicht auf eine Mitteilung im Hausaufgabenheft reagieren, die die Ranzenpost oder die E-Mail nicht lesen. Da hilft es schon, einfach mal zu telefonieren und ohne Vorwurf nachzufragen, ob die Eltern die Information erreicht hat. Und wenn auch die Telefonnummer nicht stimmt, gibt es immer noch die Möglichkeit der aufsuchenden Elternarbeit, gemeinsam mit der Schulsozialarbeit. Unsere Erfahrung in Berlin zeigt allerdings, dass Lehrkräfte diesen Weg nur sehr selten gehen.

Sollten Eltern aus Ihrer Sicht häufiger von Lehrkräften besucht werden?
Warum nicht, wir brauchen eine Willkommenskultur. Vor allem bei Übergängen von der Kita in die Grundschule oder von der Grundschule an die weiterführende Schule sollte es im Interesse der Lehrkräfte sein, die Eltern kennenzulernen, das beeinflusst auch die Mitwirkung. Oft scheitern schon die Erstkontakte, weil der Termin des ersten Elternabends ungünstig ist und nicht wahrgenommen werden konnte.

Was sollten Lehrkräfte aus Elternsicht beim Elternabend beachten?
Der Kardinalfehler ist, wenn die Schule den Termin für den Elternabend festlegt. Das sollten die Eltern selbst machen und zu ihrem Elternabend einladen, außer bei neu gegründeten Klassen. Leider hat sich das kaum etabliert, meist laden die Lehrkräfte ein – zu Zeiten, an denen es für sie passt. Häufig kommt es sogar dazu, dass die Schule einen Tag festlegt, an dem die Elternabende gleichzeitig für alle Klassen stattfinden. Für die Schule mag das praktisch sein, für die Eltern aber nicht. Wenn es Geschwisterkinder an der Schule gibt, müssen sich die Eltern entscheiden, in welche Klasse sie gehen. Auch die Uhrzeit ist entscheidend. Wenn der Elternabend um 17 oder 18 Uhr beginnt, schließt das viele berufstätige Eltern aus oder es setzt sie zeitlich so unter Druck, dass sie schon genervt ankommen. Das lässt sich vermeiden. Am besten ist eine Umfrage im Vorfeld, welcher Wochentag und welche Uhrzeit für die meisten Eltern günstig ist.

Was ist inhaltlich zu beachten, damit Eltern mehr Lust auf ein solches Treffen haben?
Wenn es am Elternabend nur darum geht, Informationen und Termine an die Eltern weiterzugeben und keine Zeit für den Austausch bleibt, ist es kein Wunder, wenn Eltern dort nicht gern hingehen. Diese Infos können sie auch schriftlich bekommen, dafür ist kein gemeinsames Treffen nötig. Wenn die Eltern aber schon beim ersten Elternabend gefragt werden, wie sie sich die Schule wünschen und wie sie sich einbringen wollen, wird es auch eine größere Beteiligung geben. Ganz wichtig für eine gute Elternmitwirkung ist auch, dass die Frage geklärt wird, wie die Eltern kommunizieren wollen. Wenn dieser Schritt verpasst wird, müssen die Elternvertretungen hinterher mühsam E-Mailadressen zusammensammeln, und es werden immer einige fehlen.

Ist der Elternabend überhaupt noch ein zeitgemäßes Format?
Corona hat die Kommunikationsmöglichkeiten erweitert, Elternabende wurden als Videokonferenz angeboten, und da, wo das gut geklappt hat, haben Schulen das Format auch beibehalten. Dadurch konnten viele Schulen auch die Teilnahmequote verbessern. Schwierig ist die Teilnahme oft auch für Eltern an Förderschulen, weil die Wege weiter sind und das Kind eine besondere Betreuung benötigt. Dort haben sich digitale Formate sehr bewährt.

Präsenzveranstaltungen sind sinnvoll für die Beziehungspflege, weil dann auch Nebengespräche stattfinden können, aber vielleicht ließe sich das auch abwechseln, sodass jedes zweite Treffen im digitalen Raum stattfindet.

Wie sinnvoll finden Sie Elternsprechtage?
Bei den Elternsprechtagen gibt es ein ähnliches Dilemma. So ein Sprechtag findet meist von 8 bis 18 Uhr statt. Die Eltern können sich über ein digitales Tool anmelden und auswählen, mit welcher Lehrkraft sie sprechen wollen. Das nützt mir aber wenig, wenn ich von 8 bis 18 Uhr arbeiten gehe. Auch der Zeitpunkt innerhalb des Schuljahres ist wichtig. Ungünstig ist so ein Tag, wenn es schon auf die Zeugnisse zugeht, besser ist die erste Hälfte des jeweiligen Halbjahres, sodass die Herausforderungen in der zweiten Halbzeit angegangen werden können. Individuell vereinbarte Gesprächstermine sind dort, wo es Gesprächsbedarf gibt, meist günstiger. Solche Termine gehören zur Arbeitszeit der Lehrkräfte dazu und sollten nicht in die Unterrichtszeit gelegt werden.

Für Zündstoff zwischen Lehrkräften und Eltern sorgt häufig auch die Übergangsempfehlung für die weiterführende Schule. Was läuft da schief?
Die Lehrkräfte brauchen dafür einen Leitfaden. In Berlin gibt es zwar einen solchen, aber der ist schon mehr als zehn Jahre alt. Die Lehrkräfte können nicht alle Schulen im Umfeld genau kennen, aber sie können die Eltern beraten, welche Schulformen welche Angebote haben, dass etwa Sekundarschulen ohne eigene gymnasiale Oberstufe eine Kooperation z. B. mit beruflichen Schulen haben, wo das Kind weiter bis zum Abitur lernen kann. Viele Eltern wissen das nicht, trotz der Pflichtberatung. Das sehen wir in Elternfortbildungen, die wir anbieten. Viele verstehen dort erstmals, wie durchlässig das System ist und dass sie jetzt nicht die Entscheidung über die gesamte Schullaufbahn ihrer Kinder treffen müssen. Das nimmt ihnen viel Druck.

Scheuen die Lehrkräfte die Diskussionen mit den Eltern um die Noten?
Natürlich gibt es diese Diskussionen, vor allem dann, wenn die Noten entscheidend sind für den Übergang oder für den Abschluss. Da ist es verständlich, dass die Eltern nachfragen, wenn sie die Bewertung nicht nachvollziehen können. Die Bewertungsmaßstäbe sind nicht immer transparent und unterscheiden sich von Schule zu Schule. Solche Diskurse müssen Lehrkräfte aushalten. Aber wie immer macht natürlich auch hier der Ton die Musik.

Ich habe den Eindruck, dass Lehrkräfte bei bildungsbürgerlichen Eltern schon deshalb in der Tendenz eher die bessere Note geben, um solchen Konflikten aus dem Weg zu gehen. Weiterführende Schulen beschweren sich oft, dass Kinder trotz guter Noten von der Grundschule nicht mit den Voraussetzungen kommen, die dort erwartet werden.

Wo sollten sich Eltern mehr einbringen, wo sollten sie sich besser raushalten und den Lehrkräften vertrauen?
Das ist der Klassiker: Eltern sollen möglichst den Kuchen backen und sich ansonsten aus der Schule raushalten. Das Schulgesetz sieht etwas anderes vor, wenn es um Beteiligung, Rechte und Pflichten der Eltern geht. Es regelt zum Beispiel weitreichende Informationspflichten der Schule gegenüber den Eltern. Auf der anderen Seite gibt es auch eine Teilnahmepflicht. Wenn ich Informationen will, muss ich auch dorthin gehen, wo ich sie bekomme. Eltern sind eine der tragenden Säulen von Schule. Ein Heraushalten der Eltern ist nicht angebracht. Transparenz schafft Vertrauen.

Wo sehen Sie Entwicklungspotenzial, was die Partizipation von Eltern angeht?
Schule hat viele Aufgaben: Kinder- und Jugendschutz, Digitalisierung, Berufsorientierung und vieles mehr. Eltern können mit ihren Professionen und Lebenserfahrungen Schulen bei diesen Aufgaben sehr gut unterstützen. Schulen sollten diese Expertise viel mehr nutzen. Wenn es beispielsweise um die Vergabe des Schulmittagessens geht, kann jemand aus der Elternschaft, der sich mit Ernährungsberatung auskennt, wunderbar helfen. Ähnlich ist es bei der Digitalisierung. Die entscheidende Frage ist, wie sich die Schule öffnet, wie die Willkommenskultur ausgeprägt ist, wie gut die Lehrkräfte die Eltern mit ihren Kompetenzen kennenlernen. Dieses große Potenzial der ehrenamtlichen Elternmitwirkung sollten Schulen nicht ungenutzt liegen lassen.