Deutschland hat keine einheitliche Strategie für Inklusion – sondern 16 unterschiedliche Realitäten.

„Teilhabe darf kein Wohnort-Lotto sein“ – Bundeselternrat fordert Kurswechsel bei schulischer Inklusion

Frühjahrsplenartagung 08.-09. Mai 2026: Der Bundeselternrat warnt vor einer zunehmenden Schieflage bei der Umsetzung schulischer Inklusion in Deutschland. Während einige Bundesländer Förderschulen schließen oder massiv zurückbauen, investieren andere bewusst in deren Erhalt und Ausbau, um dem tatsächlichen Unterstützungsbedarf von Kindern gerecht zu werden.

„Deutschland erlebt aktuell keine einheitliche Inklusionspolitik, sondern ein Nebeneinander völlig unterschiedlicher Systeme“, erklärt der Bundeselternrat. „Das führt dazu, dass Bildungs- und Teilhabechancen vieler Kinder zunehmend vom Wohnort abhängen.“ sagt Aline Sommer-Noack, Vorstand Bundeselternrat.

Die Unterschiede zwischen den Ländern zeigen sich insbesondere bei:

  • Zugang zu Unterstützungsleistungen
  • Beteiligungsmöglichkeiten im Schulalltag
  • sowie der Bewertung und Ausgestaltung von Nachteilsausgleichen

Der Bundeselternrat sieht die Gefahr, dass Inklusion in Teilen Deutschlands zunehmend „auf dem Papier“ stattfindet, während notwendige Rahmenbedingungen fehlen.

Eltern verlieren Vertrauen in das Regelschulsystem

Immer mehr Familien entscheiden sich bewusst wieder für Förderschulen, weil dort personelle Ressourcen, kleinere Lerngruppen und spezialisierte Unterstützung oftmals verlässlicher vorhanden sind als an Regelschulen.

Der Bundeselternrat fordert deshalb ein Ende ideologischer Debatten und eine ehrliche Betrachtung der Realität: Gut ausgestattete Förderschulen sind kein Widerspruch zur Inklusion, sondern für viele Kinder eine notwendige und erfolgreiche Bildungsform. Kritisch bewertet der Bundeselternrat insbesondere Modelle, bei denen Förderschulen zwar erhalten bleiben, jedoch keine vollwertigen Abschlussmöglichkeiten anbieten oder Bildungsgänge frühzeitig enden. Als Beispiel werden Förderangebote genannt, die lediglich bis Klasse 6 reichen und Familien anschließend erneut vor massive Herausforderungen stellen.

„Inklusion bedeutet nicht, jedes Kind, um jeden Preis in ein identisches System zu pressen. Inklusion bedeutet, Bildungsorte zu schaffen, die jedem Kindern tatsächlich gerecht werden.“
so Georg Möller, Fachausschussleitung Förderschulen.

Inklusion braucht passende Bedingungen – keine Sparmodelle

Deutliche Kritik äußert der Bundeselternrat am sogenannten Pooling-System bei Schulbegleitungen. Unterstützungsleistungen würden zunehmend aus organisatorischen oder finanziellen Gründen zusammengelegt – häufig ohne ausreichende Prüfung, ob die individuellen Bedarfe der Kinder überhaupt vergleichbar seien.

Der Bundeselternrat fordert:

  • individuelle statt pauschaler Entscheidungen bei Schulbegleitung
  • kleinere und bedarfsgerechte Klassen
  • flexible Klassenteiler statt starrer Vorgaben
  • sowie eine realistische Personalplanung

Kinder mit Unterstützungsbedarf müssten bei der Klassenbildung grundsätzlich stärker berücksichtigt werden. Die bisherige doppelte Zählung, die bereits in manchen Schulen angewendet wird, sollte zum einen Bundesländerübergreifend angewendet werden – zum anderen reicht diese nicht aus und müsse sich am tatsächlichen Förderumfang orientieren.

Nur auf diesem Weg lassen sich die allgemeingültigen Anforderungen aus der UN-Kinderrechtskonvention erfüllen. Inklusion ist keine freiwillige pädagogische Zusatzleistung, sondern ergibt sich aus dem Recht auf diskriminierungsfreie Teilhabe und Bildung.

Multiprofessionelle Schule statt Dauerüberforderung

Der Bundeselternrat spricht sich zudem dafür aus, therapeutische und unterstützende Angebote stärker in Schule zu integrieren. Dies schließt digitale Möglichkeiten zur individuellen Förderung ausdrücklich mit ein. Ergotherapie, Lerntherapie oder andere Fördermaßnahmen könnten Familien erheblich entlasten und gleichzeitig Unterricht sowie Lehrkräfte stabilisieren. Einige Schulen und Förderzentren zeigen bereits heute erfolgreiche Modelle, bei denen externe Fachkräfte direkt vor Ort arbeiten und schulische Unterstützung eng mit Therapie und Beratung verzahnt wird.

Auch Konzepte wie das Hamburger Bildungshaus Eimsbüttel zeigen nach Ansicht des Bundeselternrats, wie multiprofessionelle Zusammenarbeit, individuelle Förderung und enge Kooperation mit Eltern gelingen können. Der Bundeselternrat fordert deshalb einen konsequenten Ausbau solcher Unterstützungsstrukturen statt weiterer Kürzungen im Bildungs- und Fördersystem.

„Einsparungen im Unterstützungssystem zahlen am Ende Kinder, Eltern und Lehrkräfte mit ihrer Belastbarkeit.“

Aline Sommer-Noack
Vorstand Bundeselternrat

Georg Möller
Fachausschussleitung Förderschulen Bundeselternrat

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