BER-News Nr. 1
Juni 2005
Herzlich willkommen zur ersten Ausgabe der BER-NEWS.
Auf diesem Wege wollen wir Sie, die Mitglieder des Bundeselternrates, die Elternvertreter in den Ländern, andere Eltern und Interessierte über aktuelle bildungspolitische Entwicklungen und die Aktivitäten des BER informieren. Darüber hinaus finden Sie natürlich weiterhin viele Informationen und interessante Links auf der Homepage des Bundeselternrates www.bundeselternrat.de.
Ermöglicht wird die Herausgabe der ersten BER-NEWS durch das ehrenamtliche Engagement von Frau Dr. Katherine Bird, die sowohl die Vorträge zusammengefasst als auch die redaktionelle Arbeit geleistet hat. Ihr gilt unser Dank für dieses Engagement! Dabei hoffen wir, dass es uns bald möglich wird, diese Form der Informationen auch dadurch auf ein solides Fundament stellen zu können, dass wir die Redaktionstätigkeit finanziell honorieren können.
Schwerpunkt dieser Ausgabe ist die Frühjahrsplenartagung vom 3. bis 5. Juni in Porta Westfalica. Das Thema der Tagung war die PISA-II- Studie zur mathematischen Kompetenz der 15-jährigen Schülerinnen und Schüler. Hier finden Sie die Zusammenfassung der Vorträge und Links zu weiterführenden Informationen. Die Vorträge werden später wie gewohnt in voller Länge in der Tagungsdokumentation veröffentlich.
Darstellung und Analyse der Ergebnisse der PISA-II-Studie zur mathematischen Kompetenz
Vortrag von Dr. Andreas Schleicher (OECD)
In seinem aufschlussreichen und verständlichen Referat stellte Schleicher als Hauptergebnis der PISA-II-Studie aus dem Jahr 2003 vor: Im internationalen Vergleich sind die deutschen Schüler durchschnittlich. Bei eindeutigen arithmetischen Aufgaben lagen die deutschen Schüler über dem OECD-Durchschnitt, bei Algebra war die Leistung durchschnittlich. Bei fachübergreifendem Problemlösen lagen die deutschen Schüler über dem OECD-Durchschnitt. Die Arbeitswelt von morgen braucht Arbeitnehmer, die selbständig Probleme lösen können. Dies ist eine Schlüsselkompetenz für die künftige Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands. Es gibt zwei persönliche Merkmale der Schüler, die für die mathematische Kompetenz von großer Bedeutung sind: der soziale Hintergrund und das Geschlecht. Der soziale Hintergrund ist immer noch ausschlaggebend für den schulischen Erfolg. In Ländern wie Finnland und Kanada kann die Schule den Einfluss der sozialen Herkunft weitgehend ausgleichen, so dass das durchschnittliche Leistungsniveau in diesen Ländern deutlich höher ist als das in Deutschland. Wenn die Schule die Benachteiligung der Kinder und Jugendlichen nicht ausreichend ausgleichen kann, geht zu viel Potenzial verloren. Die kognitiven Fähigkeiten, die der Mathematik zugrunde liegen, wurden bei Mädchen und Jungen gemessen. Die kognitiven Fähigkeiten der Mädchen waren etwas besser als die der Jungen, aber Motivation und Selbsteinschätzung waren deutlich schwächer. Insgesamt zeigten die Mädchen schwächere Leistungen als die Jungen. Die Erklärung dafür scheint weniger in der Begabung der Mädchen, also ihren kognitiven Fähigkeiten, als vielmehr in ihrer Einstellung zur Mathematik zu liegen. Die große Mehrheit der sehr guten Schüler war männlich. Die Risikogruppe (unter der niedrigsten Kompetenzstufe) war zur Hälfte männlich und zur Hälfte weiblich. Die Studie analysiert auch die Streuung der leistungsstarken und leistungsschwachen Schüler in und zwischen den Schulen. In Deutschland war die Streuung insgesamt sehr groß, wobei die Streuung zwischen den Schulen größer war als die innerhalb einer Schule. In Finnland war es genau umgekehrt. Innerhalb jeder finnischen Schule gab es leistungsstarke und leistungsschwache Schüler, aber die Ergebnisse der Schulen waren sehr ähnlich. In Deutschland gab es große Unterschiede zwischen den einzelnen Schulen (was sicherlich mit dem gegliederten System zusammenhängt), bei Realschulen und Hauptschulen war die Streuung aber auch innerhalb der Schule groß. Schleicher zieht daraus den Schluss, dass in Finnland die Schulen alle gleich gut sind, während es in Deutschland sehr gute, sehr schlechte und auch mittelmäßige Schulen gibt. Nebenbei wurde angemerkt, dass bei PISA I nur sieben Prozent des gesamten Leistungsunterschieds der deutschen Schüler durch Unterschiede in den einzelnen Bundesländern erklärt werden können, der Rest wird durch Unterschiede zwischen Schulen erklärt. Im zweiten Teil des Vortrages stellte Schleicher die Frage, was die Schule der Zukunft beim Wandel von der Industriegesellschaft zur Wissensgesellschaft leisten müsse. Es gehe nicht mehr um das Vermitteln, sondern um Anwendung und Vernetzung von Wissen. Einige Beispiele :
Lehrpläne und Standards sollen miteinander vernetzt und dynamischer werden. D.h. die Standards sind in die Lehrpläne einzubinden, sie müssen Anwendung finden, sie sollen regelmäßig evaluiert und verbessert werden. Innovation muss im Bildungssystem verankert sein. Es gibt sehr gute Ansätze in Deutschland, aber wenn sie nicht zu festen Strukturen werden, bleiben sie nur lokal bekannt oder gehen verloren. Flexibilität im Umgang mit den Schülern. Das Lernen soll innerhalb der vorgegeben Standards individualisiert und ein konstruktiver Umgang mit Heterogenität praktiziert werden. Mehr Vernetzung der Schule mit der Gesellschaft. Das duale System der beruflichen Bildung ist ein gutes Beispiel dafür. Qualität der Qualifikation. Angesichts des immer noch hohen Anteils der „Risikoschüler“ (d.h. mit sehr niedriger mathematischer Kompetenz) in der Hauptschule stellt sich die Frage, ob diese traditionell auf das Handwerk ausgerichtete Schulform in der Wissensgesellschaft noch einen Platz hat. Im internationalen Vergleich sind die deutschen Hochschulen von anderen Ländern überholt worden. Welche Folgen hat dies für Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit? Die Ergebnisse der PISA-Studien und die wirtschaftliche Entwicklung fordern ein Umdenken im Verhältnis zwischen Schule und Arbeitsmarkt. Früher ist man von den Bedürfnissen des Arbeitsmarkts ausgegangen und hat dementsprechend ausgebildet. Jetzt müssen wir unsere Jugend so ausbilden, dass sie in der Welt von morgen und übermorgen noch Arbeit findet. Folgende Veränderungen empfiehlt Schleicher: Mit Ad-hoc-Reformen aufhören und sich auf eine strategische Entwicklung einigen. Kurzfristiger Aktionismus erreicht weniger, als langfristig auf ein Ziel hinzuarbeiten. Dazu gehören auch universelle, anspruchsvolle Standards. Weniger Inputsteuerung und mehr Ergebnisorientierung. Es ist nicht nötig, den Schulen alles vorzuschreiben. Es ist besser, Ziele zu setzten und jeden seinen eigenen Weg finden zu lassen. Dies gilt sowohl für die Schule als auch für die Schüler. Systeme, die den Schulen mehr Verantwortung und Selbständigkeit geben, erzielen bessere Ergebnisse als stark zentralisierte Systeme. Schleicher nennt Deutschland ein „System mit sechzehn zentralisierten Bildungssystemen“. Weniger Abschieben der Verantwortung und mehr Kooperation. Kinder sind in vieler Hinsicht verschieden. Entweder soll ein gegliedertes Schulsystem Heterogenität reduzieren, oder die Kinder bleiben zusammen und jeder Lehrer lernt, damit umzugehen. Länder mit dem zweiten System können den negativen Einfluss der sozialen Herkunft besser ausgleichen als Länder mit einem selektierenden System. Zum Schluss nannte Schleicher die Ausgaben pro Schüler in Deutschland. In den Grundschulen und den Schulen der Sekundarstufe I sind sie unter dem EU-Durchschnitt. Nur in den Schulen der Sekundarstufe II sind die Ausgaben überdurchschnittlich, dies hängt aber auch mit dem Beitrag der Ausbildungsbetriebe und Einrichtungen im dualen System zusammen. Den höchsten Ertrag aus Bildungsinvestitionen erzielt man, wenn auch der finanzielle Schwerpunkt auf den ersten Jahren liegt.
Lernen aus Sicht der Hirnforschung
Vortrag von Michael Fritz (Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen, Ulm)
Das Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen in Ulm erforscht, wie das Gehirn funktioniert, vor allem wie es lernt. Die daraus gewonnenen Einsichten werden mit Praktikern aus Bildungseinrichtungen auf ihre Anwendbarkeit überprüft. So werden wissenschaftliche Erkenntnisse für die Schule brauchbar gemacht. In seinem lebendigen und spannenden Vortrag stellte Fritz einige Ergebnisse der Forschung vor. Mit Hilfe einfacher Experimente gelang es ihm, seine Thesen zu beweisen. Ausgangspunkt war die Feststellung, dass es bei der Geburt schon bestimmte Anlagen im Gehirn gibt. Wie sich das Kind aufgrund dieser Anlagen entwickelt, hängt von den Reizen ab, die es in seiner Umwelt erfährt. Aber die Darbietung von Reizen allein reicht für das Lernen nicht aus. Wenn jemand etwas lernt, werden Verbindungen im Gehirn angelegt. Um diesen Prozess einzuleiten, muss neben der Reizdarbietung auch eine Aktivierung stattfinden. Eine Art der Aktivierung ist die emotionale Beteiligung. Die traditionelle Schule macht häufig Gebrauch von negativer emotionaler Beteiligung, indem sie Angst und Stress unter den Schülern verbreitet. Zu viel Stress jedoch verhindert das Lernen. Experimente zeigen: Wenn Probanden eine Wörterliste lernen sollen und die Wörter für die eine Gruppe mit schönen und für die andere mit Angst einflößenden Bildern in Verbindung gebracht werden, lernt die erste Gruppe besser als die zweite. Zwei weitere für das Lernen wesentliche Einflussgrößen sind Verarbeitungstiefe und Aufmerksamkeit. Wenn eine aktive Auseinandersetzung mit dem Lernstoff stattfindet, wird er gründlicher verarbeitet und kann leichter behalten werden. Wenn Lerner auf neuen Stoff im Voraus aufmerksam gemacht werden, aktiviert die Erwartung das Gehirn, so dass der neue Stoff besser aufgenommen wird. Aufgrund dieser und weiterer Erkenntnisse empfiehlt Fritz eine Schule, in der die Schüler ihr Lernen selbst bestimmen und ihre Lernziele selbst aussuchen soziale Elemente nicht zu kurz kommen Projektunterricht eine größere Rolle spielt Lernen ohne Zeitdruck stattfindet.http://www.znl-ulm.de
Steigerung der Effizienz des mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterrichts –das BLK-Programm SINUS-Transfer
Vortrag von Margarete Hertrampf (Zentrum zur Förderung des mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterrichts, Universität Bayreuth)
1998 zeigten die Ergebnisse der TIMS-Studie, dass viele deutsche Schülerinnen und Schüler erhebliche Schwierigkeiten mit mathematischen Aufgaben haben, die problemlösendes Denken und konzeptuelles Verständnis erfordern. Als problematisch erweist sich insbesondere ein Grundmuster der Unterrichtsgestaltung, der fragend-entwickelnde Unterricht. Diese Unterrichtsform lässt den Lernenden wenig Raum für das selbständige Erarbeiten von Problemlösungsstrategien. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, in den Schulen alternative Unterrichtsformen zu entwickeln und zu erproben. Als Reaktion darauf legte die Bund-Länder- Kommission (BLK) ein überregionales Förderprogramm zur Verbesserung des mathematisch- naturwissenschaftlichen Unterrichts auf: „Steigerung der Effizienz des mathematischnaturwissenschaftlichen Unterrichts“oder SINUS. Gefördert wurde die Entwicklung von Maßnahmen zur Verbesserung des mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterrichts auf der Ebene der Schule, d.h. durch die in den Schulen tätigen Lehrerinnen und Lehrer. Leitprinzip war die professionelle Kooperation von Lehrkräften in der Fachgruppe an der Schule, in regionalen Schulnetzen und auch überregional mittels eines zentralen Servers. Das erste Programm lief 2003 aus, wurde aber mit dem SINUS-Transfer-Programm weiterentwickelt. Der Unterricht wird anhand inhaltlicher Schwerpunkte (Module) organisiert. Insgesamt gibt es elf Module, die sich vernetzen lassen und an lokale oder regionale Verhältnisse angepasst werden können. Die Schule muss nicht alle Module benutzen, es ist aber wichtig, dass alle Lehrer einer Schule das Programm unterstützen. Besonderes Gewicht wird auf die Abstimmung im Team (Jahrgangsteam, Fachkonferenz) gelegt. Die elf Module: Modul 1: Weiterentwicklung der Aufgabenkultur im mathematischnaturwissenschaftlichen Unterricht Modul 2: naturwissenschaftliches Arbeiten Modul 3: aus Fehlern lernen Modul 4: Sicherung von Basiswissen - verständnisvolles Lernen auf unterschiedlichem Niveau Modul 5: Zuwachs von Kompetenz erfahrbar machen: kumulatives Lernen Modul 6: Fächergrenzen erfahrbar machen: fachübergreifendes und Fächer verbindendes Arbeiten Modul 7: Förderung von Mädchen und Jungen Modul 8: Entwicklung von Aufgaben für die Kooperation zwischen Schülern Modul 9: Verantwortung für das eigene Lernen stärken Modul 10: Prüfen: Erfassen und Rückmelden von Kompetenzzuwachs Modul 11: Qualitätssicherung innerhalb der Schule und Entwicklung schulübergreifender Standards
Schülerwettbewerbe –andere Formen des entdeckenden und vertiefenden Lernens
Vortrag von Karl Fegert (Lessing-Gymnasium, Neu-Ulm) und Dr. Otto May (Scharnhorstgymnasium in Hildesheim)
Im ersten Teil stellte Fegert verschiedene Wettbewerbe vor, im zweiten Teil schilderte May die Vor- und Nachteile solcher Wettbewerbe. Nach Fegert sollen mathematische Wettbewerbe: Mathematik bekannt machen Ängste abbauen Schüler fordern und fördern Anregungen zu eigenständiger Beschäftigung mit Mathematik geben. Es gibt auf Landes- und Bundesebene und auch international viele verschiedene Wettbewerbe. Die Gestaltung variiert stark: Sie können schriftlich oder mündlich, als Klausur oder Hausarbeit gehalten werden; ein Ergebnis oder ein Lösungsweg wird gesucht; die Bewertung ist absolut oder relativ; es können sich viele beteiligen (v. a. in Gruppen) oder nur die Spitze. Für Fegert sind mathematische Wettbewerbe eine gute Möglichkeit zur Förderung der Leistungsspitze. Als Beispiel nennt er den Bundeswettbewerb Mathematik, der aus zwei Hausaufgabenrunden und einem Kolloquium besteht. Die Bundessieger dieses sehr anspruchsvollen Wettbewerbs bekommen Studienstipendien der Stiftung des Deutschen Volkes. 6 Dr. May berichtete über den naturwissenschaftlichen Wettbewerb „Schüler experimentieren“ (6.–10. Klasse) bzw. „Jugend forscht“ (Oberstufe), der für Schülergruppen offen ist. Ziel dieses Wettbewerbs: an wissenschaftliches Arbeiten heranführen Teamfähigkeit fördern Präsentieren üben fächerübergreifend arbeiten lernen Misserfolge verarbeiten lernen Öffnung der Schule Als unterrichtsergänzende Aktivität hat dieser Wettbewerb Vorteile für die beteiligten Schüler, sie werden selbstbewusst und teamfähig. Die Betreuung durch Lehrer kann aufwändig werden, deshalb muss sie vor der Teilnahme schon gesichert sein. Für die Schulen ist es ebenfalls von Vorteil, wenn ihre Schüler an Wettbewerben teilnehmen: Sie müssen mit anderen Institutionen wie z.B. der Universität oder dem Industrie- und Handelskammertag zusammenarbeiten, und es gibt einen Anlass für eine schulische Veranstaltung, auf der die Projekte einem größeren Publikum vorgestellt werden können.
Grußwort von Ulrich Kasparick, Parlamentarischer Staatssekretär im BMBF
In seinem Grußwort stellte Herr Kasparick fünf Thesen über die Rolle des Bundes in der Bildungspolitik auf. Dabei plädierte er für einen Perspektivenwechsel in der Verteilung der Verantwortlichkeiten zwischen Bund und Ländern. Sinnvoll sei es, zuerst die Frage nach den Zielen zu stellen und erst dann zu entscheiden, wer welchen Beitrag leisten könne. Kasparicks Thesen: Die Volkswirtschaft braucht gute Bildung, denn „ein dummes Land wird arm“. Deshalb ist es nötig, dass der Bund eine strategische Rolle in der Bildung übernimmt als Teil seiner volkswirtschaftlichen Verantwortung/Politik. Bildungspolitik darf nicht isoliert betrachtet werden, sondern soll sich mit der Wirtschafts- und Sozialpolitik vernetzen. In der Bildungsreform ist ein Gesamtkonzept notwendig. Dazu gehört die Formulierung von klaren Zielen für das Bildungssystem sowie ein Konsens darüber, ob Selektion oder individuelle Förderung die Grundlage sein soll. Steuerungsstrukturen und Innovationen sind fest zu verankern. Der Prozess der Qualitätsentwicklung braucht zuverlässige Evaluationseinrichtungen und klare Standards. Eine zentrale Berichterstattung sorgt für die notwendige Transparenz. Innovation muss die Ebene des Unterrichts erreichen. Ein innovatives Programm wie SINUS-Transfer braucht die Unterstützung des Bundes, so dass es trotz Geldmangels in allen Bundesländern läuft.
Schriftliches Grußwort anlässlich der Frühjahrsplenartagung des Bundeselternrates vom 03. –05. Juni 2005 in Porta Westfalica
Präsidentin der Kultusministerkonferenz Prof. Dr. Johanna Wanka „Sehr geehrter Herr Steinert, sehr geehrte Delegierte der Frühjahrsplenartagung, über die Bedeutung guter Bildung für Schülerinnen und Schüler, aber auch für unser gesamtes Gemeinwesen wird heute anders diskutiert und berichtet als noch vor fünf Jahren. Schon bei der täglichen Zeitungslektüre wird uns bewusst, das die Bildungsanstrengungen in Schule, beruflicher Bildung und Hochschule nicht nur über die Berufs- und Lebenschancen junger Menschen entscheiden, sie beeinflussen auch maßgeblich die wesentlichen Wirtschaftsindikatoren unseres Landes wie Innovationskraft, Wettbewerbsfähigkeit und Produktivität. Der durch PISA ausgelöste öffentliche Schock über die Leistungsfähigkeit unserer Schulen war heilsam. Die Länder arbeiten derzeit intensiv an einem Bündel von Maßnahmen, um das deutsche Bildungswesen fit und zukunftsfähig zu machen. Dass der Kurs stimmt, wird durch das signifikant bessere Abschneiden bei der zweiten PISA-Studie deutlich. Der von uns eingeleitete Paradigmenwechsel in der Bildungspolitik ist inzwischen unumkehrbar geworden. Im vergangenen Jahr hat die Kultusministerkonferenz als zentrales Element der Qualitätsentwicklung im Schulbereich nationale Bildungsstandards für die Grundschule, die Jahrgangsstufe 9 und den Mittleren Abschluss beschlossen. Damit haben sich die Länder auf anspruchsvolle gemeinsame Bildungsziele verständigt und zugleich Verfahren entwickelt, mit denen die Wirksamkeit des Bildungssystems regelmäßig und systematisch nachgeprüft werden kann. Hierzu ist im Juni 2004 ein von den Ländern gemeinsam getragenes „Institut zur Qualitätssicherung im Bildungswesen“ gegründet worden, das inzwischen seine Arbeit aufgenommen hat. Das Konzept der Bildungsstandards hat weit reichende Auswirkungen auf die Lehrplanarbeit, die Schulentwicklung und die Rolle der Schulaufsicht als helfender und beratender Instanz der Schulen. Zudem haben die Länder zahlreiche Maßnahmen eingeleitet, um u. a. die Bildungsarbeit in Kindergärten und Grundschulen abzustimmen, die Diagnosefähigkeit und Professionalität im Lehrerberuf zu erhöhen, die Bildungschancen benachteiligter Kinder deutlich zu steigern oder auch das Angebot an Ganztagsschulen auszuweiten. Die Unterstützung der Eltern und ihrer Vertretungen für die von den Ländern eingeleiteten Reformen ist mir ein persönliches Anliegen, denn sie ist eine Voraussetzung für das Gelingen all unserer Anstrengungen. Ziel ist eine spürbare und dauerhafte Qualitätsverbesserung im Unterricht. Eltern und Schulen tragen gemeinsam Verantwortung für die heranwachsende Generation. Beide sind sie verantwortlich für Bildung und Erziehung der Kinder und Jugendlichen. Mit Beginn der Schulpflicht lernen die Kinder in ihrem Elternhaus und in der Schule. Bildung und Erziehung sind dann erfolgreich, wenn sie zielgerichtet sind, d. h., Schule und Eltern sich untereinander abstimmen. Kinder brauchen Erziehung und Bildung. Die Diskussion um die notwendige Bildungsreform sollte nicht in einen unfruchtbaren Streit um Schulformen und um Kompetenzen münden. Im Übrigen ist die deutsche Verfassungslage eindeutig. Nach dem Grundgesetz liegt die Verantwortung für die Schulen, die Hochschulen und den Kulturbereich klar bei den Ländern. Diese Eigenstaatlichkeit und die damit gewollte Vielfalt ist das Fundament eines lebendigen Bildungsföderalismus. In diesem Sinne wünsche ich der Frühjahrsplenartagung des Bundeselternrates anregende Beratungen und gute Ergebnisse. Prof. Dr. Johanna Wanka“
Trinken im Unterricht
Vortrag von Anja Krumbe (Informationszentrale Deutsches Mineralwasser) Anja Krumbe von der Informationszentrale Deutsches Mineralwasser stellte das Projekt „Trinken im Unterricht“ vor. Es ist schon längst bekannt, dass viele Menschen, auch Kinder, zu wenig trinken. Wenn Kinder zu wenig trinken, können sie sich nicht mehr richtig konzentrieren und haben Schwierigkeiten, dem Unterricht zu folgen. In vielen Schulen dürfen Kinder und Jugendliche nur während der Pause trinken. Was sie trinken, ist ihnen und ihren Eltern überlassen. Manche Getränke sind ungesund, weil sie viel Zucker, Koffein, Farbstoff und aufputschende Zusätze enthalten. Hinter dem Projekt „Trinken im Unterricht“ steht das Ziel, den Konsum von Mineralwasser bei Kindern und Jugendlichen zu erhöhen. Wenn das Wassertrinken nach Bedarf, d.h. auch während des Unterrichts, erlaubt wäre, dann –so die Vermutung –stiege die Konzentration und damit die Leistung. Frau Krumbe berichtete über die Erfahrungen dreier Schulen der Sekundarstufe I, die das Trinken während des Unterrichts eingeführt hatten. Nach dem Untersuchungszeitraum wurden die Schüler und Lehrer gefragt, ob es durch das Trinken Änderungen gegeben habe. Schüler und Lehrer berichteten von einer Verbesserung der Konzentrationsleistung. Ferner sagten manche Schüler, dass sie weniger Kopfschmerzen hatten. Zwei Nebenwirkungen sind von Interesse: Die Einführung des Trinkens im Unterricht bedeutet in den teilnehmenden Schulen das Aufheben eines Verbots. Viele Schüler haben dies als Anlass zum Übertreiben genommen. In den ersten drei Tagen des Projekts gab es regelrechte Trinkwettbewerbe, in denen manche Schüler bis zu drei Litern tranken. Infolgedessen kam das alte Leidthema wieder zum Tragen: der Zustand der Schultoiletten. Wenn Schüler mehr trinken, dann müssen sie die Toiletten öfter benutzen. Hier muss noch sehr viel passieren, bis alle Schüler bereit sind, die Schultoiletten zu benutzen.
AKTIVITÄTEN DES VORSTANDS
Der Rechenschaftsbericht des Vorstands und der Kassenbericht wurden auf der Tagung mündlich vorgetragen. Sie können in der Geschäftsstelle nachgelesen werden. Der Bundeselternrat ist durch Wilfried Steinert im Kuratorium von „Schau hin!“vertreten. Informationen über diese Aktion zur Medienerziehung im Computerzeitalter und Bestellung eines Newsletters unter www.schau-hin.info Der Bundeselternrat gehört zum Unterstützerkreis der Aktion „Schule machen!“, die von der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) organisiert wird. Informationen über diese Initiative, mit der Schulen in Deutschland verbessert werden sollen, unter www.schulemachen.de Der Bundeselternrat ist Mitglied des Stiftungsrates der „Stiftung Lesen“und wird dort durch Dr. Jörg Vogel, Stellvertretender Vorsitzender des BER, vertreten. Die Stiftung Lesen ist eine Ideenwerkstatt für alle, die Spaß am Lesen vermitteln wollen. Seit 1988 entwickelt sie zahlreiche Projekte, um das Lesen in der Medienkultur zu stärken: von Schulkampagnen über Buchhandelsaktionen bis hin zu Forschungsstudien. Dafür hat sie viele Medienpartner und Kultursponsoren gewonnen. Traditionell steht die Stiftung Lesen unter der Schirmherrschaft der Bundespräsidenten. Mehr unter: www.stiftung-lesen.de
TERMINE UND INFOS
Der wichtigste Termin in diesem Sommer ist die Veröffentlichung der Ergebnisse von PISA 2003 für die einzelnen Bundesländer. Die Pressekonferenz der KMK findet am 14. Juli um 12 Uhr in Berlin statt.
Am Freitag, den 23.9.05 feiert die Initiative Länger gemeinsam lernen ein Fest: das Bildungsfest Länger gemeinsam lernen. Mit diesem Fest wollen wir feiern, dass sich zwölf bildungspolitische Organisationen von Schülerinnen und Schülern, Eltern, Lehrerinnen und Lehrern, Wissenschaftlerinnen undWissenschaftlern in der Initiative Länger gemeinsam lernen für eine kindgerechte, sozial gerechte, gemeinsame und gute Schule für alle einsetzen. Die Zusammenarbeit basiert auf der Zustimmung zur Gemeinsamen Erklärung „Länger miteinander und voneinander lernen“, dem Grundsatzdokument der Initiative. Gemeinsam wurde ein Instrument für die Schulen erarbeitet und verbreitet - die PISA-Lupe –und eine Internetplattform eingerichtet. Unter www.laenger-gemeinsam-lernen.de erfahren Sie mehr über die Initiative. Alle Personen und Organisationen, die sich für unser Anliegen interessieren und mitfeiern wollen, sind herzlich eingeladen, nach Kleinmachnow im Süden von Berlin zu kommen. Es erwarten Sie Rede, Diskussion, Kabarett, Musik und Tanz. Der Bundeselternrat ist Mitglied dieser Initiative. Das Bildungsfest ist auch Programmpunkt der Hauptausschusstagung vom 23. bis 25. September 2005 in Potsdam Die DVD zum Elternkongress „Bildungsstandards –auf demWeg zu einer Reform des Schulsystems“ mit dem Vorträgen von Prof. Dr. Oelkers, Professorin Dr. Reiss, Privatdozentin Dr. Lankes und dem Gespräch mit Schulsenator Lemke, Frau Pahl vom BMBF und dem BER-Vorsitzenden Steinert kann kostenlos in der Geschäftsstelle des Bundeselternrates bestellt werden. In der Geschäftsstelle können Sie ebenfalls die Broschüre bestellen: „Bildungsstandards –auf demWeg zu einer Reform des Schulsystems; Antworten auf häufig gestellte Fragen zu den Bildungsstandards“
IMPRESSUM
Die BER-NEWS werden vom Bundeselternrat herausgegeben.
Vorsitzender: Wilfried W. Steinert
Verantwortliche Redakteurin: Dr. Katherine Bird
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